Für den Begriff "Kyusho" existieren in den Kampfkünsten verschiedene Übersetzungen. Zum Beispiel "Erste Sekunde", "Kunst der Vitalpunkte" oder "Sekundenkampf". Die verschiedenen Bezeichnungen versuchen zwei Dinge zum Ausdruck zu bringen; Kyushoanwendungen wirken (sekunden)schnell und sie haben mit den Vitalpunkten am/im menschlichen Körper zu tun. Diese "Vitalpunkte" hat jeder, man kann sie nicht wie Muskeln aufpumpen oder im herkömmlichen Sinne "abhärten" und der Angriff auf sie bedarf keiner großen körperlichen Kraft. Das macht Kyushotechniken für die Selbstverteidigung / Kampfkünste und auch für bestimmte Berufsgruppen wie etwa Polizisten interessant.

Was genau unter Vitalpunkten verstanden wird (vital, frz. stammt übrigens von vitalis aus dem Lateinischen "zum Leben gehörend"), darüber gibt es wiederum viele Meinungen. Manche verstehen darunter hauptsächlich Nervendruckpunkte (Schmerz / Lähmung), andere auch Einflußpunkte auf die Energieleitbahnen = Meridiane (Fülle / Leere / Blockade) oder es werden einfach alle möglichen Angriffsziele des Systems MENSCH darunter subsumiert. Danach sind auch die menschliche Seele oder Seelenanteile (z. B. das Selbstvertrauen in eine bestimmte Sache oder Motivationshaltungen) quasi Vitalpunkte, die aus dem Gleichgewicht gebracht und damit "angegriffen" werden können. Eine Vitalpunkttechnik bzw. eine Kyushotechnik muß also nicht zwangsläufig aus einer körperlichen Handgreiflichkeit bestehen, es kann sich auch um einen Schrei (Ton) oder etwa eine Grimasse (vgl. z. B. Haka - Kriegstanz der neuseeländischen Maori) handeln.

Je nach Verständnis der "Vitalpunkte" gibt es ganz verschiedene Erklärungsmodelle, welche oftmals ineinandergreifen bzw. sich ergänzen. Wie genau Kyusho funktioniert, wie es sich anfühlt und wie man es selbst anwendet, darüber muß sich letztlich jeder seine eigene Meinung machen, indem er es übt. Ein vereinheitlichtes Übungs- und Lehrsystem hat diesbezüglich wie jedes System seine Vor- und Nachteile, denn je nach Erfahrungshintergrund können dann viele Dinge gleichzeitig richtig sein, je nachdem für wen. 

Auch über die Herkunft / den Ursprung des Kyusho finden sich unterschiedliche Auffassungen. Während manche das Kyusho als eigenständiges Kampfsystem (Okinawa) mit eigener Entstehungsgeschichte betrachten, welches im Laufe der Geschichte Eingang in die anderen Kampfschulen gefunden hat, sehen andere Kyusho als immanente Anwendungsaspekte die es in allen noch so verschiedenen Kampfkünsten gab und gibt.

Viel Wissen ist über die Jahrhunderte zunächst verloren gegangen oder wurde gleich ganz streng geheim mit ins Grab genommen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde es für die Kampfkünste durch einzelne herausragende Kampfkünstler wie z. B. George Dillman erforscht, wieder reaktiviert und praktiziert, um es nunmehr einer breiten Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Gelehrt werden vorallem Techniken, also wie, wann, wo ist zu schlagen, zu reiben oder zu drücken. "Wie wirds gemacht" ist ein erstes wichtiges Anliegen. Allein die Kenntnis und Fähigkeit der Technik ist für das Hauptanliegen eines Kampfkunsttreibenden allerdings nicht ausreichend. Im Falle des Falles, braucht man das breite Spektrum an Fähigkeiten einer Kampfkunst und Anwendungen und Techniken aus dem Kyusho sind dann wie das Salz in der Suppe.

Karate dient der Selbstverteidigung (und noch ganz vielen anderen gesunden und guten Dingen mehr). So erreicht man mit dem Wissen um die Möglichkeiten von Kyushoanwendungen nicht nur zusätzlichen Anwendungsmöglichkeiten für den Selbstverteidigungsfall, sondern auch ein wesentlicheres Verständnis der Kata und damit für sein eigenes Karate. Manch Gelerntes muß dafür auch erst einmal wieder beiseite gelassen werden und Neues geduldig erarbeitet.

Thomas Hagemann bietet auf den Lehrgängen im Rahmen einer Seminarreihe beim Kammpfkunstteam GO-JU interessierten Karatekas Gelegenheit Kyushoanwendungen kennenzulernen und zu üben. Berichte, Bildergalerien und Videos (in Arbeit) hier an dieser Stelle, sollen die die eigenen Lehrgangs- aufzeichnungen ergänzen und Euch auf dem Laufenden halten.